Think of the shorelines you have yet to see

Rotation: Hey Marseilles - Rio // Zaz - Je Veux // David Ford - Go To Hell // Kele - Everything You Wanted (Remix) // Kings Of Convenience - 24-25

Das Leben ein Repeat-Knopf, eine Dauerschleife aus immergleichem. Die Tage ähneln sich, nur, dass es jetzt früher dunkel ist als vor ein paar Wochen noch. Wo ist die Zeit, wo ist das Leben geblieben? Nichts passiert, nicht schlimmes zwar, aber auch nichts gutes. Du siehst auf dieser Seite das Leben der anderen, immer andere Orte, immer viele Leute, immer viel Leben zwischen den Zeilen. Denkste! Wahrlich, eigentlich sitzen all diese virtuellen Überfreunde auch nur in Jogginghose und mit Stricksocken vor dem coolen Designcomputer und versuchen herauszuholen, was so herauszuholen ist aus dem Alltag. Ich habe fünf Straßen, die ich tagein und tagaus herlang fahre, die eine haben sie neu gemacht, da holpert es nicht mehr so sehr. Die alte Dame von nebenan steht immer am Fenster, wenn ich heimkehre. Erst dachte ich, nett, sie begrüßt Dich, doch eigentlich schaut sie nur, ob ich nicht wieder im Halteverbot parke. Ich lächle ihr jetzt manchmal zu, nett zu anderen zu sein, hilft, sich selber zu netter zu finden. Der Briefträgerin habe ich gestern die Tür aufgehalten, der Putzfrau im Hausflur einen schönen Tag gewünscht. Und dann ging alles irgendwie schon besser als zuvor.

 

 

I´m a King of Wishful Thinking

Rotation: William Fitzsimmons - So This Is Goodbye (Pink Ganter Remix) // William Fitzsimmons - If You Would Come Back Home (Mikroboy Remix)  // Darwin Deez - Radar Detector // Sia - The Co-Dependent

[Picture: http://strawberrylemonadeblog.blogspot.com]

Wie schnell sich manche Lebenswirklichkeiten verändern können. Du wachst morgens auf und dann ist es tatsächlich so: Christian Wulff ist Bundespräsident. Die Deutschen aus dem Turnier geflogen. Ich nicht die, die ich sein will. Auch das drüber schlafen hat nichts geholfen. Und doch, dann tust Du es allen nach, fängst an zu meckern, Dich mit Realitäten abzufinden, und bist plötzlich gefangen in der Mühle des Alltäglichen. Ist ja nun schon seit Wochen so, warum jetzt anders. Warum anders? Weil anders gut ist, weil anders heißt, voranzugehen und nicht still zu stehen. Weil anders heißt, mal nicht immer den gleichen Kaffee zu bestellen, die gleiche Nudelsoße zu machen, die gleichen Vorwürfe auszusprechen anstatt selbst besser zu sein - sondern einen neuen Weg einzuschlagen. Raus aus dem Trott, nicht rechts herum zum Stammcafé gehen, sondern links herum. Und plötzlich wirkt der Himmel anders, die Luft luftiger, die Füße leichter. Und die Pläne werden wieder groß, doch das sollen sie bleiben. Lieber nicht schlafen gehen, halt den Moment fest.

Everyday's another chance to bury my regret

Rotation: William Fitzsimmons - Passion Play // Sia -The Co-Dependent // Shakira feat. Freshlyground - Waka Waka // William Fitzsimmons - I Don´t Love You Anymore //Alexi Murdoch - Towards The Sun // Kate Nash - Don´t You Want To Share The Guilt?

(Foto: Martin Steiner/Copyright)

Es ist immer wieder dieses kleine Wort, das dich vom Glücklichsein abhält, das sich wie ein Stopp-Schild zwischen dich und das uneingeschränkte Lächeln setzt. Wie fahren mit der angezogenen Handbremse, rutschen mit nackten Beinen oder Satin-Bettwäsche bei unrasierten Unterschenkeln. "Eigentlich", ja eigentlich ist alles gut, eigentlich ist alles so wie es sein sollte. Vor ein paar Monaten noch war das "Eigentlich" greifbarer, die Einschränkung ist nun aufgehoben und doch gibt es wieder einen neuen Dämpfer. Nie ist alles so, wie man es sich ausmalt, nie gibt es kein Eigentlich. Du läufst und läufst und läufst, der Tag beginnt, der Tag endet und jedesmal der Gedanke, wenn jetzt alles anders wäre, dann wäre alles gut. Dann ist es anders, aber immernoch nicht gut. Und je länger ich dem Guten hinterherhechle, desto mehr verpasse ich das Gute im Hier und Jetzt. Wann bist Du glücklich? Wenn die Sonne scheint, der IPod genug Akku hat und der Milchschaum des Latte Macciato sich löffeln lässt? Oder doch nur im Großen und Ganzen und Globalen? Und immer wieder, wenn der Wecker klingelt, nehme ich mir vor, heute alles besser zu machen, zu genießen, was ist, und nicht dem hinterherzuspüren, was nicht ist. Es gelingt nicht, eigentlich. 

I would sell you for a box of tissues

Rotation: William Fitzsimmons - I Don´t Love You Anymore // William Fitzsimmons -  Afterall // Joanna Newsom - Good Intentions Paving Co. // Hold Your Horses! - 70 Million // John Mayer - Free Falling // Vampire Weekend - Giving Up The Gun // Rosi Golan - Hazy (feat. William Fitzsimmons)

Soviel Fremdes. Kopfsteinpflaster, das kein richtiges Kopfsteinpflaster ist, sondern irgendwie größer und doch so klein, dass die Füße in den kleinen Ballerinas zur Seite knicken. Fleisch am Spieß neben Nutellapfannkuchen, Käse zum Kaffee, ein Gruß zum Morgen, ein Gruß zur Verschnaufpause, ein Gruß zur Siesta, zum kalten Espresso mit Milchschaum, zum Einkaufen, ein Gruß zum Abend, zur Nacht, einfach immer nett sein, ja Du auch, viele Jahre und so, hier und dort und an der nächsten Straßenecke. Ich mag nicht nett sein. Hier macht man das anders, hier ist man freundlich zu dem, den man mag oder zu dem, der einem weiterhelfen kann. Und sonst wird genickt, nein Danke Du mich auch. Das ist der Stil, ruppig, und doch ehrlich. Auf der Straße liegen Hunde, überall. Erst laufen sie noch, dann gucken sie mit müden Augen, lassen sich fallen - und bleiben regungslos. Hier, jetzt, Pause. Sonnenhunde, Schattenhunde. Alles je nach Belieben. Einfach machen, denke ich, so wie die. Aber ich darf nicht entscheiden, was zu tun ist. Um mich herum schwirren die Stimmen wie ein Fliegenhaufen, ich bin mittendrin und nicht dabei, weiß nicht, worum es geht, warum das jetzt alles so ist. Einfach mitmachen, den eigenen Willen ausschalten, das soll jetzt so sein, so macht man das hier, hier in dieser Straße mit dem Spielzeuggeschäft, der Sonnenbrillenfrau, dem Weinhändler und der Apothekenfamilie.Sie werfen Töpfe aus dem Fenster, ich frage nach den Risiken. Sie essen nachts um halb zwei Platten voller Speisen in allen Farben und Formen, ich frage "so spät noch?". Sie sprühen laut mit Worten um sich, ich quieke nur laut, wenn ich mich vor Glück im Kreis drehe. Sie schmeißen Türen in der Eile, ich plane so, dass es nie einen Grund zum Eilen gibt. Sie haben keine Arbeit und sagen "Was soll´s", ich bange schon jetzt, immer, wegen jetzt, wegen später, wegen überhaupt. Sie fragen "was, du musst im Sommer arbeiten?", ich zähle an der Hand meine Urlaubstage nach. Darf ich ich sein? Ich verstehe nur Griechisch.

 

Before I knew you I went climbing in the snow

Rotation: Mumford & Sons - The Cave // Mumford & Sons - Little Lion Man // Natalie Merchant - Frozen Charlotte // Alexi Murdoch - Crinan Wood // La Roux - In for the Kill // Clueso - Chicago // Imogen Heap - Hide And Seek

 

[Bild: http://www.flickr.com/photos/shaderlab/]

Da ist es das neue Jahr. Hurra! Packt die Luftschlangen noch einmal aus, werft die Böller aus dem Fenster in den Schnee, dann gibt es einen dumpfen Knall, trinkt Sekt dazu und seid fröhlich! Ja fröhlich, toll, ein neues Jahr, ein altes vorbei, gar ein ganzes Jahrzehnt. Und nun? Der Morgen beginnt immernoch mit dem irren Klingeln, mit dem Ignorieren und Draufdrücken, und wieder von vorn. Aber das geht nicht mehr lange so, dann ist ist erstmal nichts. Mein Pfeifen in die Silvestertröte ist dumpf, zu wenig Enthusiasmus, um großes Trara zu machen. Wofür auch noch Enthusiasmus haben? All die Ziele, all die Träume erscheinen plötzlich reichlich naiv, wie aus einer anderen Zeit. Eine Stufe kleiner denken jetzt. Trotzdem wieder viele Dinge vorgenommen für die neue Zeit. Das Buch ist leer, ich kann entscheiden wie die Geschichte weitergeht. So nicht und so nicht, das weiß ich. Draußen liegt Schnee, ich hab versucht, ihn mit einem Feuerzeug zu schmelzen, aber es geht nicht. Stumm liegt er da, wie eine Aufforderung, langsam zu werden und nachzudenken. Jeden Schritt überlegt zu tun.Es knirscht unter meinen Füßen, immer wieder sinke ich tief ein und Schnee schleicht in den Schaft meiner Stiefel. Die Socken sind nass, aber nur vorne links, die nasse Stelle sieht aus wie ein Stern. Irgendwie scheint scheint der Stiefel undicht zu sein. Wenn ich später die Schuhe ausziehe sind die Zehen schon fast so rot wie der Nagellack, na ja, Winter eben. Faszinierend, wie sich diese schnelle Welt durch ein bisschen frostigen Niederschlag aushebeln lässt. Autoverkehr liegt lahm! Bahnen vereist! Rettet die Tiere vor dem Salz! Split alle! Omas bleibt drinnen! Und auch ich bin wirklich langsamer, überlege, denke an das, was mir wirklich wichtig ist. Und der wartet in der beheizten Wohnung auf mich - und da sind auch die nassen Socken egal.

Call the Surgeon, mend the Pieces

Rotation: William Fitzsimmons - Just Not Each Other / William Fitzsimmons - If You Would Come Back Home / The XX - Chrystalised / David Ford - Go to Hell / Bernd Begemann - Die neuen Mädchen sind da/ Michael Jackson - Man In The Mirror
 

Die neuen Mädchen sind da, mit Stadtplänen im Haar. Der Plan liegt immer bereit. Mehrere Faltkarten weisen im Notfall den Weg, wenn man denn schlau genug ist, das Ding richtig herum zu halten. Ich habe einen für jede für mich wichtige Stadt, ich kann in dieser großen bunten Internetwelt einfach eingeben, wo ich hin will, dann finde ich den Weg und noch Tipps für den besten Döner dazu. Ich habe auch eine elektrische Kartenbox, die mit ihrem Saugpinöppel immer von der Scheibe plumpst. Die spricht mit mir, wenn ich sie nach dem Weg frage, sie hat mich zu Nervenaufreibendem geschickt, wo ich mit Stift und Block unsere Verfassung verteidigt hab und am Ende doch von Heal The World getröstet werden musste Make A Better Place For You And For Me, sie hat mich zu längst vergessenen Menschen finden lassen und bringt mich immer, wenn ich auf das kleine Haus drücke, zurück dahin, zurück zur Liebe und zum selbstgebastelten Adventskalender. Zurück zu Dir. Aber manches kann auch die Kiste nicht beantworten. Tippe ich Stadt:Irgendwo Straße:Zukunft ein, sagt sie "Wenn möglich, bitte wenden". Ja, aber wohin denn? Wo geht es lang? Ich mag es nicht, planlos zu sein, ohne Ziel, was eingetippt werden kann. Das macht unsicher, das lässt mich plötzlich grundlos böse werden, auch wenn Pizza vor mir steht und ein neues Kleid im Schrank hängt. Den abzubauen ist eh zu anstrengend, warum auch? Warum kann nicht alles einfach mal gut sein. Flexibel soll man sein, immer bereit sich zu verändern, man soll chinesisch können, mehrere Abschlüsse haben, aber jung sein, immer Überstunden machen, da sein, wenn die anderen kommen, da sein, wenn die anderen gehen, man soll stricken und tanzen und im Feuerwehrverein Volleyball spielen und dann, ach dann, auch noch die Welt retten. Ohne mich, ich bin raus, vergesst es. Ich programmiere meine Susi neu. Auf: Abwarten - und Tee trinken.

I live in a place in my mind

Rotation: Dear Reader - The Same // Dear Reader - Great White Bear // The XX - VCR // Alexi Murdoch - Blue Mind // A Fine Frenzy - Electric Twist // Michael Jackson - Wanna Be Startin Something // Regina Spektor - Laughing With


Hier drin ist es warm, draußen nicht, da regnet es, den prasselnden Regen, der, der dir wie Nadeln ins Gesicht piekst. Ich lausche der neuen Stimme, sie singt von Heimat, von Unterschieden zwischen den Menschen und davon, dass es auf das Herz ankommt. Das ist nicht neu, das haben schon viele gesagt, viele gesungen, mal mit Klavier, mal mit Gitarre, diese Stimme singt es aber mit so viel Gefühl, mit einem Babababa Rhythmus im Hintergrund - und ich glaube ihr. Take off your shirt, hat, shoes and trousers / Erase my head, all the books that I've read / The language I speak, the customs you keep / Keep on going right down to the heart / To the pain that is yours, the pain that is ours Hinter mir ist das Bett, die Decke ist glatt gestrichen, das hintere Ende ist etwas länger und fängt die Staubflusen auf. Ich war länger nicht hier, ich bin ein Vagabund zwischen dort, wo ich hinmuss jeden Tag und dort, wo ich glaube hin zu wollen, jeden Tag. Die bunte Knautschtasche mit den Blumen drauf und den Lakritzflecken innen und den Abschabungen des Wüstensandes außen steht bereit, wieder weiter zu fahren, und das, was man eigentlich ist, zurückzulassen. Das Buch in der Tasche hat das Lesezeichen auch immernoch auf der gleichen Seite, all die geschmiedeten Pläne, die abends vor dem Einschlafen so gut klingen, sind doch wertlos, wenn man doch aufwacht - mit den 200 Seiten japanische Weisheit auf der Brust. Aber da ist diese Stimme, die vom Herz singt und von den Menschen und die Männern im Hintergrund, die so tapfer bababababa über 4:30 Min anschlagen, und all das, was mich vorher noch nervte, was ich glaubte ändern zu müssen, ist nichtig. Hauptsache es ist warm - und das bababa hört nicht auf.

I see signs now all the time

Rotation: Bloc Party - Signs // Bloc Party - Mercury // Regina Spektor - Dance Anthem for the 80s // Gossip - For Keeps // Sia - The Girl You Lost To Cocaine // Sia - Day To Soon //  Shout Out Louds - Tonight I Have To Leave It (Remix) // David Ford - Go to Hell
 

Padam, Padadadadam, die Schritte werden wieder schneller. Die Schuhe sind leichter, weil die Sonne scheint und weil es sich in Ballerinas ohnehin leichtfüßiger lebt als in dicken Stiefeln. Es riecht nach Autoabgasen und ich fühle mich zurückversetzt in den Sommer vor drei Jahren, höre die Buschtrommeln aus einem Zelt, stoppe und vergesse für einen Moment, dass ich hier bin und nicht dort. Ein Plausch, ein Lachen, wieso ist es nicht immer so leicht, so nett, so gut zueinander? Ich tapere weiter, mit einer kleinen silbernen Scheibe gute Laune in der Handtasche, aber Wehmut in den Gedanken. Hier ist nicht dort und hier will ich gerade nicht sein. Weg vom Alltag, vom alltäglichen Hin- und wieder zurück, dazwischen nicht viel, eine Umarmung bevor der neue Tag wieder beginnt. Heute ist gestern ist morgen - und man könnte sagen, gut, das ist eben so, so ist das Leben, so wird es weiter sein, sei froh, dass es ist wie ist ist. Doch die Augen werden müder dabei immer das Gleiche zu sehen, so anders es dann doch immer wieder ist, der Elan ist verschwunden auf dem Weg zwischen der Auffahrt zum Alltag, dem Waschmittelkaufen und der Flucht in die Welt der anderen. Nothing ever happens, nothing happens at all / The needle returns to the start of the song / And we all sing along like before Doch manchmal, wenn man gerade nur das Waschmittel und den ganzen anderen Kram nach Hause tragen will, dann begegnet einem kurz der Sinn, die Begeisterung und die Erinnerung für das, was man einmal plante. Und es geht kurz wieder einfacher, schneller, Padam, Padadadam.

I’m finding my own words, my own little stage

Rotation: Yellowcard - Rough Draft // Joshua Radin - Girlfriend in a coma // MGMT - Electric Feel // Kings Of Leon - Sex on Fire // Friska Viljor - On and on

 

Ich schalte einen Gang hoch, trete das Gaspedal mit den matschverschmierten Winterstiefeln behutsam fester, doch es nutzt nichts, die Ampel springt um. Gezwungen stehen zu bleiben, gezwungen die Gedanken wieder zuzulassen. Ich drehe das Autoradio lauter. Quiet is my loudest cry Es scheppert im Refrain immer etwas, wenn der Gitarrist die Stahlseiten schwungvoller anschlägt. Die Melodie ist schön, ich singe mit, doch die Selbstzweifel sind wieder da. Wie gestern beim Einschlafen, in der Nacht, als ich kurz wach werde und morgens beim Zähneputzen vor dem Spiegel. Ein paar Wochen schlummerten sie, auch Zweifel brauchen wohl Winterschlaf. Jetzt haben sie mich wiedergefunden, dort in dem langen Flur mit dem großen  goldenen Spiegel am Ende. Plopp. In meinem Spiegelbild setzen sie sich auf meine Schulter, all die Erinnerungen, Erfahrungen, all die Dinge, die ich weiß, aber nicht wissen möchte. Ich ziehe die Mütze etwas tiefer ins Gesicht, um meine Augenringe nicht sehen zu können und auch das Plopp auf meiner Schulter ignorieren kann. Prokrastination heisst das Zauberwort, nicht heute denken, morgen erst. Aber auch nur, wenn es auf der To-do-Liste steht. Da ist aber nioch das Aufhängen der Lampe und die Steuererklärung vermerkt, Nachdenken nicht. Glück gehabt. Ich will Kate Winslet sein, damit ich wie in diesem einen Film die Vergangenheit löschen kann. Dann könnte man sich unbeschwert begegnen, zusammen zum ersten Mal Paris sehen, ein Lied zum ersten Mal gemeinsam entdecken, ohne dabei den Geruch von früher zu fühlen. Die Ampel wird grün, die Gitarre scheppert immer noch, doch mein Fuß rutscht vom Pedal ab, der Wagen ist stillgelegt. Zuviel Wintermatsch an den Stiefeln, Zeit für Frühling.

Dies ist kein Brief, nur eine Straßenkarte

Rotation: Tom Liwa - Eh egal // Bloc Party - Blue Light // Death in Vegas - Girls // Sunshine Underground - Borders //  I Nine - Same In Any Language 

Wo bleibt die Freude in deinen Liedern / Ich zuck mit den Schultern und sage zwischen den Zeilen / und zieh die Jalousien runter / Wir müssen uns beeilen / und dann liegen wir Rücken an Rücken, draußen fahrn Lkws vorbei / Ich form Tiere aus Knete, während sich ein Sturm zusammenbraut [Tom Liwa]

Ich sitz auf dieser Bank. Genau wie vor drei Jahren schon einmal. Die Musik ist die gleiche, die Sonne linzt wieder etwas unentschlossen hinter den Wolken hervor, die Menschen sind geschäftig, sogar etwas mehr als damals - nur meine Stiefel sind andere, schöner sind sie jetzt. So viel Sehnsüchte früher, nach Geschichten, nach Inspiration, nach dem, was andere haben oder ich glaubte, das andere haben. Nun wieder hier, gleiche Straße, gleiche Bank, gleiche Zugverbindung und doch alles anders. Sehnsucht habe ich immer noch, während ich den Kaffee schlürfe und die Menschen beobachte, die immer noch etwas zu haben scheinen, was ich nicht habe, eine Sehnsucht, die endlich zu benennen ist. Auf einem Foto kommt sie mir von meinem Nachttisch aus entgegen. Ich lächle, wie so häufig in diesen Tagen. Ich stehe von der Bank auf, rücke meine beige Mütze wieder richtig zurecht und lasse mich vom Strom der Meute über die Straße mitziehen, rein in die Bahn, Türen zu. Lächeln. Weil ich hier bin, weil es so ist wie es ist, weil drei Jahre vergangen sind. Und ich bekomme ein Lächeln zurück, anders als damals. Weg mit den Gedanken, weg mit den Zweifeln, weg mit den Ängsten, dafür ist es eh viel zu kalt.

 


I simply can't sleep in this bed without you anymore

Rotation: The Sunshine Underground - Commercial Breakdown // Little Joy - The Next Time Around // The Killers - Human // Kanye West - Street Lights // Ingrid Michaelson - The Hat

 

 Der Kaffee schmeckt gut. Das tut er immer hier. Mit dem Löffel grabe ich mich durch den Berg Milchschaum, bis er ganz in der braunen Plörre verschwindet. Ich seufze. Neues Jahr, alles auf Anfang, wieder von vorne. Muss das sein? Kann nicht einfach alles so weitergehen wie zuvor? Das Letzte war gut, jetzt kann es nur noch schlechter werden. Das sagen auch die Wirtschaftsforscher. Hmm. Des Menschen größte Freude ist es, Dinge schlecht zu reden. Wenn es sonst nicht viel zu sagen gibt, kann man wenigstens meckern. Das wollte ich eigentlich nicht tun, aber zu viel erlebt in den wenigen Lebensjahren bisher. Und eins dabei gelernt: Auf ein Gutes folgt ein schlechtes Jahr - immer. Dabei sind die ungeraden Jahreszahlen immer die bösen Buben. 09 - klingt schon wie ein Fußballverein und wenig verheißungsvoll. Was kann denn auch noch kommen, wenn man schon alles hat, wenn man das Glück gefunden hat, überall. Ein Glücksforscher sagt, Glück sei die Kombination aus Haben, Sein und Liebe. Ich habe, ich bin, ich liebe. Und meistens bin ich glücklich - so lange ich weiß, was ich anziehen soll zumindest. Wonach nun streben, worüber meckern? Vielleicht ist es an der Zeit mit Regeln zu brechen, Ungerade zu Gerade werden lassen, damit die Ampel weiter auf Grün geschaltet bleibt. Ich nehme einen großen Schluck vom Kaffee, der Milchschaum hängt mir an der Oberlippe. Ja, der Kaffee wird hier auch nächstes Jahr noch gut schmecken. Verlass Dich drauf.

 

You will always be the bitter saddest part of me

Rotation: Maria Mena - Power Trip Ballad // Maria Mena - Where were you // Polarkreis 18 - Allein Allein // Lykke Li - Dance Dance Dance // Kate Nash - Merry Happy // Miriam Makeba - African Convention // Citizen Cope - Sideways

 

Und dann setzt der Chor ein. Kinderstimme. Musikkritiker würden sich die Hand vor den Kopf schlagen, weil das ein kitschiges Stilmittel ist und weil es immer funktioniert und damit zu profan ist. Aber mir ist das egal. Ich mag den Kinderchor, ich mag auch die marching drums, die leise im Hintergrund poltern. Ich ziehe meine Lederjacke etwas mehr zu, der Wind pfeift an dieser Stelle unter der Brücke immer etwas mehr. Die pinken Kopfhörer drücke ich etwas fester ins Ohr, damit die Drums direkt in den Körper eindringen können. Ich laufe flotten Schrittes durch den Untergrund, die Baustelle rechts, das dumme Geplapper der Menschen um mich herum, die drei türkischen Teenager mit schiefem Käppi auf dem Kopf, die sich immer wieder zur mir umdrehen und sich gegenseitig in die Seite boxen. Immer ein Fuß vor den anderen, die Winterstiefeln klackern auf dem Asphalt, das spüre ich, kann es aber nicht hören, weil der Chor gerade besonders laut ist. Ich weiß gar nicht genau, wo ich hinwill, aber das wusste ich früher auch nicht. Die Kopfhörer, die flotten Schritte, die laute Stadt und mein leises Ich - das Alleinsein ohne Ziel lässt mich für kurze Zeit Mich wiedererkennen. So viel Veränderung um mich herum, so viel Veränderung in mir, will ich das? Ich muss es wollen, weil man das zu wollen hat und weil ich sonst komisch wäre. Das Telefon klingelt, hören kann ich es nicht, aber schon die ganze Zeit ruht meine Hand erwartungsvoll auf der Handtasche, um das Klingeln nicht zu verpassen. Ich nehme die pinken Hörer aus dem Ohr, kein Kinderchor mehr, keine Abschottung. Ich gehe ans Telefon. Und lächle.

 

When you smile at me you know exactly what you do

Rotation: Scouting for Girls - Elvis Ain´t Dead / Scouting for Girls - She´s So Lovely / Nneka - From Africa 2 You / Joshua Radin - We Are Okay / Joshua Radin - One Of Those Days / Roger Cicero - Wenn Sie Dich fragt / Michael Buble - Everything / The Ting Tings - Shut Up And Let Me Go

 

 Die Sonnenbrille ist verspiegelt. Ich lunze vom Beifahrersitz ein wenig nach links, muss die blonden Haare aus dem Gesicht streichen, die sich vom Fahrtwind im Lipgloss verfangen haben. In der Sonnenbrille sehe ich mein Lächeln gespiegelt. "Was ist?" "Nichts", sage ich und versuche mein Schmunzeln zu verbergen. Ich schmunzle schon die ganze Zeit, heimlich, damit verborgen bleibt wie glücklich ich bin. Wäre ich in diesem Moment alleine, ich würde kurz rennen, hüpfen und laut kreischen, einfach um Endorphine rauszulassen. Aber wäre ich alleine, gäbe es gar keine Gründe zu schmunzeln. Es ist eh vergebens, so sehr ich auch versuche meinen Enthusiasmus zu verbergen, ich werde enttarnt. Ich drehe die Musik am Autoradio lauter und lasse die Stimme aus den Boxen für mich das Glück herausschreien And in this crazy life, and through these crazy times / It's you, it's you / You make me sing Ich setze auch meine Sonnenbrille auf, vielleicht nicht um mich vor der Sonne, sondern die Welt vor meinen strahlenden Augen zu schützen. Glücklich sein nervt andere, Glücklich sein ist unproduktiv, Glücklich sein ist unkreativ, Glücklich sein ist langweilig. Weil man nichts zu meckern hat und auf die Frage nach dem Befinden keine Theatralik folgt. Plötzlich ist die Playlist geändert, keine melancholischen Songfragmente, sondern da sind sie die fröhlichen Gitarren und das schmalzige Saxohon. Und selbst der traurigste Sänger der Musiksammlung taugt bei der Autofahrt lauthals herausgebrüllt noch zum Glücklichsein, weil dabei eine Hand auf meinem Knie liegt. Die sagen will, dass alles so bleibt,  dass die Gemeinheiten der Welt und der Anderen Eintrittsverbot haben, dass die Vergangenheit vergangen ist. Bitte nicht stören ist an die Türklinke gehängt. Danke.

I will never be the first to say it...but i think i´m a little bit in love with you

Rotation: Bloc Party - This Modern Love / Bloc Party - On / Wheat - Don´t I Hold You / Lykke Li - Little Bit / Iron & Wine - Such Great Hights / M.I.A. - Paper Planes

Es ist kühl, als ich flotten Schrittes das Haus verlassen. Den Pullover ziehe ich über die Hände, setze die graue Kapuze auf und verstecke darunter die viel zu großen Kopfhörer. Von Weitem muss ich aussehen wie ein Teletubbi - doch was bleibt mir übrig, meine Kopfhörer sind kaputt, ich habe nur diese großen Dinger und durch den Wald joggen ohne Musik ist keine Option. Also Bloc Party auf die Ohren, so laut, dass mein Bauch etwas vibriert, aber das ist egal, die Zeilen brauch ich jetzt, damit meine Gedanken einmal kurz Pause haben und vom treibenden Schlagzeug ersetzt werden. Do you wanna come over and kill some time?/Tell me facts/Throw your arms around me Mal wieder ist es Herbst, mal wieder knirscht das Laub unter den Füßen beim Lauf durch den Wald. Diesmal ist es ein anderer Wald, eine andere Stadt, andere Gedanken. Dennoch sind die Sportschuhe geblieben, sonst erinnert wenig an die vergangene Zeit. Die Kopfhörer sind verdammt laut, das Bloc-Party-Schlagzeug treibt mich an, ich springe über Äste die im Weg liegen, beschleunige so sehr dass ich meine Beine nicht mehr spüre. Dann ist die Runde zuende, dort wo ich in den Wald hineinkam, komme ich auch wieder heraus und das Schlagzeug ist verstummt. Gedanken, willkommen zurück. You told me you wanted to eat up my sadness / Jump right Ich stehe in meinem Zimmer, in dem einen, wo sich alles abspielt, fröhlich sein, traurig sein, Angst haben, albern sein und verliebt auch. Die Gedanken schießen durch den Kopf, in Bildern, O-Tönen, kurz aneinandergeschnitten. Pam Pam Pam. Verdammt, höre ich mich sagen, obwohl doch gar keiner da ist, der es hören könnte - und schlage mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Wieso kann nicht einfach alles mal perfekt sein? Ich werde nur noch laufen, Gedanken nerven, ich brauche mehr Bloc Party.

Wer sich schneller entspannt, ist besser als jemand, der sich nicht so schnell entspannt

Rotation: Peterlicht - Sonnendeck // Peterlicht - Lied vom Ende des Kapitalismus // Peterlicht - Wettentspannen // Wallis Bird - The Circle // No Delays - Hideaway // Billie The Vision - A Beautiful Night In Oslo // Coldplay - Viva La Vida

[Bild: http://www.leblogdebetty.com/]

Und dann auch das noch. Überall in der roten Pennymarkttüte Buttermilch. Dickflüssig, stinkig. Bis ins Volkornbrot hat sich das zähe Getränk verbreitet, die Rotweinflasche angeschmoddert. Schön soll sie machen, die Buttermilch. Das sagt die Werbung mit dem hübschen Oberkörperfreien Mann zumindest. Ich habe einen Pickel am Kinn und mir beim Rasieren heute Morgen ins Bein geschnitten. Schön ist anders. Den ganzen Tag mit Schönheit und Mode und Idealen beschäftigt, fühle ich mich als ich die Tür aufschließe weniger als durchschnittlich. Der Selbstbräuner hat einen Streifen auf dem Arm hinterlassen, die Ballerinas den Zeh abgequetscht und nun auch noch die Buttermilch. Das Pech trottet langsam hinter mir her und dann, wenn ich grad kurz verschnaufen will ist´s auf gleicher Höhe. Also lieber nicht stehenbleiben. Doch die Augenlider sind müde, mögen nicht mehr, mögen gerne andere Dinge sehen. Wie die kleinen Ameisen rasen die Leute an mir vorbei, stauen sich auf dem Schnellweg, alle wollen irgendwo hin, die Woche beginnt, die Woche endet, die Ameisen. Ich muss an Dave denken. Take these chances Place them in a box until a quieter time Wann ist es ruhiger. Ich mag Ruhe doch gar nicht, aber kann das alles sein. Anker sind gesetzt im alltäglichen Wirrwarr, im alltäglichen sichbeweisenmüssen und sichselbstetwasbeweisen müssen. Wieder etwas zum drauf freuen, doch dort fühle ich mich zu wohl, zu geborgen, so war das nicht gedacht. Das war nicht der Plan, keine Notiz dazu auf dem gelben Zettel an meinem Schreibtisch. Ausserdem riechts überall nach Buttermilch. Ich werd morgen einen neuen Becher kaufen. Mal sehen ob der hält, was er verspricht.

“Yes, I think that everything is gonna be alright someday somehow”

Rotation: Billie The Vision - Someday Somehow // Jakob Dylan - This End Of The Telescope // Delays - No Contest // Jimmy Eat World - My Sundown // Bird York - In The Deep // Vampire Weekend - A Punk // Vampire Weekend - Cape Cod Kwassa Kwassa // MGMT - Time To Pretend // Oh!No!Oh!My! - Party Punch // Radiohead - Jigsaw Falling Into Place

Ich würde gerne ein Lied schreiben. Eins mit fröhlichen Gitarren, mit schnellen Akkorden, wo die Finger von Bund zu Bund schnellen und die rechte Hand mit dem Anschlagen nicht hinterherkommt. Mit einer Melodie, bei der sich die Mundwinkel nach oben bewegen, auch wenn dein Fahrrad einen Platten hat, auch wenn du dir am Papier in den Finger geschnitten hast, auch wenn der Postbote die Zeitung wieder so in den Briefkasten gestopft hat, dass die Titelseite total zerrissen ist und auch wenn die Liebe verloren gegangen ist und du sie nicht wiederfindest. Dann würde im Refrain ein Saxophon dazukommen, damit auch der Fuß im Takt mitwippt und die pinken Zehen über den grünen Teppich tanzen. Die Gitarre würde die ganze Zeit schnell sein, doch unaufdringlich, besonders in den Strophen, nur leichtes Anschlagen, aber doch so bestimmt, dass man sie bemerkt. Zusammen mit dem Saxophon dann aber wird sie lauter, spielt sich in den Vordergrund und man hört die Fingernägel über die Stahlseiten kratzen. Ich würde über Verwirrung singen. Über durcheinandergeratene Gedanken, wie man plötzlich anfängt zu weinen, obwohl das Zwiebelschneiden schon so lange her ist, obwohl man seitdem einige Schritte weiter ist, gewachsen an dem Schmerz als das Messer ausrutschte. Und es noch lange danach geblutet hatte. Doch auf dem Pflaster auf der Wunde sind Teddybären mit einer roten Schleife um den Hals und in dem Moment, wo die Wunde verarztet ist, setzt das Saxophon ein, weil jetzt alles wieder gut ist. Weil jemand da ist, der das Pflaster glatt streicht und vergessen lässt. Und die Gitarre klingt immer noch fröhlich und die Stimme macht in den hohen Tönen einen Schlenker. Dann kommt die Bridge, das kurze Innehalten, das Nachdenken. Wo sich ein anderes Lied in die Gedanken einklinkt, von Konstantine und dem Stern und dem blonden Mädchen auf der Treppe. Der Teil lässt einen wanken und zweifeln und die Fröhlichkeit abblocken. Doch wenn sonst alles in Ordnung ist, gehen die fröhlichen Gitarren wieder los - doch manchmal auch nicht. Das mit der Treppe und dem Stern ist nämlich nicht vergessen, trotz des Teddybären. Aber das Pflaster soll weg, überhaupt sollen alle Erinnerungen weg, deswegen wird das Saxophon lauter und die Gitarre auch und die pinken Füße fangen wieder an zu tänzeln. The central station, let’s take the next train or the plane to Berlin or New York yes I know it’s insane Do you remember when you said we only live once? Let’s take the next bus and get married in Las Vegas Wouldn’t that be groovy baby Aber ich kann kein Lied schreiben. Ich summe es aber vor mich hin, während ich meine Fußnägel lackiere.

You Got Growing Up To Do

Songs der Stunde: Freshlyground - Go Gorilla! // Jason Mraz feat. James Morrison - Details In The Fabric // Freshlyground - Ivana // India.Arie - The Heart Of The Matter // Joshua Radin - You Got Growing Up To Do // Joshua Radin - Sky // Blood Red Shoes - I Wish I Was Someone Better

 

 

Glückskind. Die Werbung mit dem Schriftzug fliegt mir entgegen, als ich den Briefkasten öffne. Eine Bank will mir irgendetwas aufschwätzen und suggeriert, dass ich auserwählt wurde. Ich verneige mich, nicht aus Dankbarkeit, sondern weil die Äpfel aus der Einkaufstüte gepurzelt sind. Das Treppenhaus ist kühl, anders als draußen, dunkel ist es auch, nicht unangenehm, eher einladend sich zur Ruhe zu begeben. Hallo Feierabend. Die Werbepost balanciere ich zwischen Mittel- und Zeigefinger, bedacht die LIDL-Tüte, meine übergroße weiße Handtasche und die Zeitung nicht aus den Händen gleiten zu lassen. Sonst stecke ich solche Post einfach beim Nachbarn in den Briefkasten, diesmal nicht. Sie pinnt jetzt an meinem Schreibtisch, gleich neben der Eintrittskarte zur Helen Levitt Ausstellung, die mich an einen sonnigen, unbeschwerten Sonntag im März erinnert. Daneben ermahnt mich meine eigene Handschrift zu mehr Fleiß, dort stehen aufgelistet Dinge, mit denen ich besser werden soll. Besser im Job, besser im Leben, zurückfinden dorthin wo ich mal war, wo ich mal gut war oder zumindest enthusiastisch. Die Begeisterung ist verloren gegangen. Was unterscheidet mich denn noch von meinem Schreibtischnachbarn, von dem Mädchen im lila Shirt gegenüber, von der Beliebigkeit - jeder ist austauschbar, rauscht mir ein Zitat durch den Kopf, sicher längst wurde ich ersetzt, während ich in der Luft schwebe und nach Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig greife. Are the things that make you blow, Hell, no reason, go on and scream, If you're shocked it's just the fault of faulty manufacturing. Ja, das Glückskind. Immer gewesen, so golden wie der Rahmen der Werbepost, leuchtet mein Haar in der Sonne. Man konnte sich darauf verlassen, dass immer alles gut ausgeht für mich, du bist auf der Sonnenseite des Lebens, mach dir nicht zu viele Gedanken du bist ein Glückskind. Doch jetzt dem Kindesalter entwachsen, der unsichtbare Schutzmantel gehört anderen, ich musste ihn abgeben. Und als ich die Haustür aufschließe, zerreißt die Plastiktüte.

 

 

There's something I will always lack

Songs der Stunde: Amanda Rogers - This Beauty // Jason Mraz - I`m Yours // Rooney - When Did Your Heart Go Missing // Citizen Cope - Sideways // Paula - So wie jetzt // Moldy Peaches - Anyone Else But You // The Sunshine Underground - Put You In Your Place

Mein Job ist es anderen Leuten beim Leben zuzuschauen. Mit Notizblock, Sonnenbrille und einer großen Portion Idealismus sause ich durch die Stadt, schüttele Hände, ja ich bin Journalistin, ja ich bin noch jung, stelle meine Fragen, setze mich wieder an den Schreibtisch und denke über das Leben und Tun anderer Leute nach. Fasse es zusammen, dort wo es nötig ist wird Fades in schöne Worte gekleidet, doch immer sind es die anderen, die leben. So glaube ich. Das Mädchen in der Dachgeschosswohnung gegenüber trägt heute ein lila T-Shirt. Immer wieder schaue ich rüber, sie wird wohl so alt sein wie ich, auch blond, Mittwochs ist ihr Fernseher immer eingeschaltet und eine Freundin ist zu Besuch. Wie bei mir, als ich noch Freundinnen hatte, die bei mir waren. Jetzt sind sie weit weg und mit geschlossenen Augen und Telefon am Ohr denken wir uns nebeneinander. Das Mädchen fährt ein Mountainbike, ist nachts oft nicht zuhause. Sie hat bestimmt einen Freund, denke ich mir und während sie in ihrer Küche steht, denke ich mich in ihr Leben hinein. Meine Playlist läuft im Hintergrund und könnte der Soundtrack sein. Für sie oder für mich? Ich weiß es nicht. Immerzu beobachte ich, frage andere aus, betrete Bereiche, die sonst kaum jemand Fremdes wahrnehmen kann. Die gestreifte Bluse soll mich älter machen, die Fragen nach meiner Kompetenz ins Leere laufen lassen, mich dafür qualifizieren anderer Leute Leben anzuschaun und aufzuschreiben. Doch wenn ich immer nur bei anderen dabei bin, zuschaue, nicht teilnehme, was macht dann mein Leben aus. Der große Schmerz ist weg, tief vergraben unter äußerlichen Erfolgen, unter Veränderung und neuer Kleidung. Verschwunden ist er nicht, kann er auch nie sein, wie ein Windhauch umspült er mich noch manchmal, dann mache ich die Lederacke zu und flitze schneller als er in der Hoffnung immer einen Schritt voraus zu sein. Besser, erfolgreicher, glücklicher. Doch wann ist man glücklich? Dann, wenn man nicht mehr traurig ist? Ich habe das Wettrennen gewonnen, am Ende des kleinen Weges bei mir um die Ecke treffe ich ein bekanntes Gesicht, ach du hier wie schön, eigentlich kennen wir uns kaum, egal, wie geht es dir? werde ich gefragt. danke, gut. Würde ich einen Text über mich schreiben müssen, so würde er enden.

 

It's a blue, bright blue Saturday, hey hey / And the pain is starting to slip away hey, hey

Songs der Stunde: Goldfrapp - A&E // Charlotte Martin - Redemeed // The Chameleons - Second Skin (Acoustic) // Feist - Secret Heart

[Place: London]

 

It´s a blue, bright blue Saturday, hey hey. Nicht ganz, es ist Donnerstag und grau regnerisch trübe, doch meine Augen strahlen wieder. Vor mir türmen sich Bücherregale, die Buchcover leuchten hell in rot und gelb und grün und blau. Ohne meine müden Beine, die in dicken Stiefeln stecken, zu bewegen reise ich in ferne Länder, während meine Augen von Reihe zu Reihe wandern. Ich stehe am schneeweißen Strand in Thailand, wo schon Leo das Glück gesucht hat, ich schlängle mich durch einen engen Markt in Ghana, in Kenia ist noch das Paradies und die Machete ist lediglich ein Arbeitsgerät, ich shoppe in New York, fahre Kanu an der Schärenküste Stockholms und stehe auf den Klippen Neuseelands. And the pain is starting to slip away, hey hey. Das Kopfkino spielt sich in Sekunden ab, während Goldfrapp Zeile für Zeile weitersingen. Und ich lächle. Endlich wieder. Die bunten Buchcover machen mir Hoffnung. Hoffnung auf Zukunft und dafür, dass es sich doch alles lohnt. I'm in a backless dress on a pastel ward that's shining, heisst es weiter. Mein Kleid ist bunt und es hat Blumen unten am Saum und wenn es ein bisschen windet fliegt der Rock hinten etwas hoch. Es hing unter einem Zelt zwische ganz vielen anderen kleinen Kleidchen, die mein Herz zum Rasen gebracht haben. "I make you a special price". Klar. Ich muss lachen. Da stehe ich in London auf dem Camden Market mit meinen Freundinnen aus Namibia und der Klamottenkauf funktioniert auf afrikanische Art. Das kann ich gut inzwischen. Kleid neben Kleid, dazwischen Schuhe, Taschen, Underground, Gitarren an der Decke und Lichtblicke und Hoffnung für das neue Jahr. Woanders sein lässt Vergangenes dunkel wirken. Think I wan't you still, but there may be pills at work. Wie recht sie hat. Koffein-Tabletten lassen mich die Trägheit überwinden und die Dinge anpacken, die zu lange brach lagen. Die Mädchen erinnern mich an eine Zeit ohne den Unausprechlichen und sie bringen mich zum lachen. Wir tanzen auf Stühlen mit wilden Kleidchen, Tony Blairs Bodyguards schauen uns hinterher und wünschen uns einen schönen Abend, Put your hands up for Detroit dröhnt es durch sieben Quadratmeter für 800 Euro in Westminster Downtown und das Leben ist wieder schön. Die Fotos haben alle eine märchenhafte Farbe und verleiten auch Tage danach noch zum Glücklichsein. In der Buchhandlung träume ich in mein nächstes Woanders sein und schaffe es endlich wieder dort wo ich bin da zu sein. I was feeling lonely, feeling blue, Feeling like I needed you. Das wird nicht so schnell weggehen. Aber man kann es verbannen ganz tief weg und dann setzt man sich die Kopfhörer auf, schlüpft ins Kleidchen und spürt den Regen auf der Haut. Auch wenn es kein Samstag ist. It´s blue, bright blue.

 

Could I have been anyone other than me

Songs der Stunde: Dave Matthews Band - Dancing Nancies / Psapp - Tiger, my friend / Tiger Tunes - Angry Kids of the world unite / Feist - I feel it all / Jewel & Steve Poltz - Silver Lining / Justice - D.A.N.C.E

 

Ich liege auf dem Bett und lese "Gegen den Strich", ein Roman aus der Zeit der französischen Dekadenz, in dem es um einen Misanthrop geht, der sich in Kunst und ausgefallenen Luxus flüchtet. Pling. Ah, eine Mail. Vielleicht Eva, um den London-Trip zu bestätigen? Ich schaue nach. "Single? Das sollten sie wissen". Ein Schlag ins Gesicht. Mal wieder. Jetzt hat sogar das Internet schon rausgefunden, dass ich einsam bin. Vielen Dank dafür. Und das nachdem ich Silvester um Mitternacht geheult habe - nur Pärchen und fremde Leute um mich herum und meine zwei liebsten Freundinnen auf dem Domplatz verschollen. Da steh ich also im dichten Nebel zwischen Raketen, die nur knapp mein Hinterteil verfehlen, betrunkenen Jugendlichen, kann meine Hand kaum vor Augen sehen. Willkommen im neuen Jahr. Fängt ja gut an. Meike drückt mir Champagner in die Hand. Schon besser. Aber irgendwann muss man nach Hause gehn und dann ist man wieder alleine. Wieder an den Schreibtisch setzen, alleine. Das Telefon schweigt still. Die Netze sind überlastet denke ich und weiß insgeheim doch, das auch am nächsten Tag nichts mehr kommen wird. Und dann auch noch für die Zeitung eine Seite über "Single-Leben in der Kleinstadt" machen. Und das Paar der Woche dann unten drunter. Es lebe die Ironie. Gibt es noch andere Themen? Ich plane wie wild immer darauf bedacht dieses Jahr besser werden zu lassen. Glück ist dann, wenn man sich entscheidet glücklich zu sein. Hmm. Schwierig ist das. Aber woanders sein hilft immer. Zumindest für den Augenblick und weil man danach was zum Zurückerinnern hat. In der Hoffnung das alte Erinnerungen überschrieben werden. Geht das neurologisch überhaupt? Wär prima. Fliege bald nach London für ein langes Wochenende und war gestern beim Kellnern schon ganz aus dem Häuschen als ich Engländer bedient habe. Raus, etwas neues sehn, einkaufen bei TopShop und Oasis, Clubbing in der Metropole - gute Aussichten. Und in Soho werde ich auf Jude Law treffen, der verwechselt mich kurz mit Sienna Miller, weil ich nun auch so ein Boho-Blüschen hab, und dann kommen wir ins Gespräch....und dann...ach werdet ihr in der InTouch lesen. Keep watchin!

 

Werbung